Ich habe einen Traum

Jim Jarmusch, 48, ist Schauspieler und Regisseur. Er lebt in New York. Bekannt wurde er mit Filmen wie »Stranger than Paradise« und »Down by Law«. Hier träumt er davon, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Von Ralph Geisenhanslüke (Aufzeichnung)

Seit meinem Film Dead Man habe ich viele Freunde, die zur so genannten amerikanischen Urbevölkerung gehören. Ich habe eine Menge von ihnen gelernt. Wenn ein Indianer aus dem Fenster schaut, sieht er zuerst die Bäume und den Himmel. Amerikaner, Westeuropäer und viele Asiaten sehen zuerst die Gebäude und die Autos. Dinge, die Menschen geschaffen haben. Ein Indianer sieht die Dinge, die vorher schon da waren, als den positiven Raum und die von Menschen gemachten Dinge als den negativen Raum.

Jack Kerouac sagte einmal: »Die Buddhisten haben Recht. Die Welt ist upside down.« Sie steht auf dem Kopf. Mein Traum für mich und andere Menschen ist es, die Welt auf dem Kopf stehend zu sehen - mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Erde ist ein kleiner blauer Planet in einem Sonnensystem in der Ecke einer Galaxie, die in einer Ecke des Universums liegt. Das Leben auf diesem kleinen blauen Juwel von einem Planeten ist ein großes Geschenk. Wir scheinen aber keinen Respekt vor diesem Geschenk zu haben. In kosmischen Dimensionen ist unser Leben, selbst die Existenz unseres Sonnensystems, nur ein winzig kleiner Blitz. Das Universum ist unendlich, und es könnte eine unendliche Zahl von Universen geben. Wir wissen überhaupt nicht, wie Zeit und Raum zusammenhängen. Wir sind beschränkt durch die Dinge, die wir erschaffen haben.

Zum Beispiel die Jahrtausendwende. Wir haben etwas geschaffen, das definiert, was Zeit ist. Eine Struktur, die uns bedeutungsvoll erscheint. Aber sie bedeutet überhaupt nichts. Das Millennium basiert auf der Geburt Christi. Wann genau wurde er geboren? Wie groß ist der Anteil der Christen an der Weltbevölkerung? Buddhisten, Muslime, Juden, alle sollen sich diesem Konzept der Zeitmessung anpassen. Selbst wenn man an diese Zeitrechnung glaubt - das Jahrtausend ist gerade erst zu Ende gegangen, am 31. Dezember 2000.

Ich wünschte, die Menschen könnten all diese Dinge mit anderen Augen sehen. Das ist natürlich nur ein Traum, weil es sehr unwahrscheinlich ist. Wenn er in Erfüllung ginge, würden die Menschen verstehen, dass alle Dinge ein Ding sind. Egal, ob Mensch, Tier, Insekt oder Pflanze. Selbst unbelebte Objekte wie Felsen oder Staub - sie sind alle Teil eines großen Ganzen. Wir aber spielen dieses dumme kleine Spiel, die Dinge nach ihrem Geldwert zu betrachten.
Ich will hier kein New Age predigen. Ich interessiere mich nur dafür, wie die Menschen die Welt wahrnehmen. Wenn du ein Alien wärst und dir diesen Planeten ansehen würdest, du würdest dich fragen: Wie kommt es, dass die Menschen mit der dunkelsten Haut diejenigen sind, die um vier Uhr morgens die Straßen fegen? Warum werden diese Menschen anders behandelt als andere?

Ich wurde christlich erzogen. Mit zwölf lernte ich, dass die Kirche Tieren keine Seele zugesteht. Was für ein Unsinn, dachte ich. Ich habe einen Hund, und er hat eine Seele, und niemand kann mir weismachen, dass er keine hat. In meiner Jugend war ich politisch sehr engagiert. Ich war sogar mal im Gefängnis wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Heute glaube ich nicht mehr an Parolen. Auch wenn ich mit den Ideen von Umweltschützern sympathisiere, glaube ich, dass man die Dinge in einem größeren Zusammenhang sehen muss.
Warum haben die Menschen keinen Respekt vor Wesen, die nicht an dem Spiel ums Geld teilnehmen? Die Reinheit eines wilden Tieres ist etwas beinah Magisches. Bei so genannten Naturvölkern werden solche Wesen als Ratgeber angesehen, weil sie noch intakt sind, unbeeinflusst von den Dingen, die der Mensch gemacht hat. Wir verlieren eine Menge Magie und Wissen über diesen Planeten und das seltsame Geschenk Leben. Wir verlieren den Respekt davor, weil unsere Prioritäten auf dem Kopf stehen.
Ich lebe in New York. Wenn ich auf das Dach meines Hauses gehe und die World Trade Towers sehe, ist es beinahe lustig zu denken: All das könnte morgen verschwunden sein. Ein Erdbeben oder ein Sturm könnte alles wegwischen. Oder eine Wirtschaftskrise. Vielleicht wirft der Planet das menschliche Leben auch ganz ab, um sich selbst zu erhalten.

Menschen halten sich immer für so hoch entwickelt. Ich muss lachen, wenn ich diese Berichte im Fernsehen sehe, in denen Menschen die Sprache der Delfine studieren. Da steht ein Wissenschaftler mit Ausrüstung für fünf Millionen Dollar und versucht, etwas zu verstehen, wenn die Delfine piep machen. Und er fragt sich: Was sagt der Delfin? Was bedeutet das? Und dann kommt der Delfin hoch und sagt: Ich will Fisch. In Englisch. Er kann unsere Sprache. Wer ist hier höher entwickelt? Der Delfin ist frei. Er muss keine Kreditkarte haben. Er zahlt keine Miete. Er muss sich nicht an die Gesetze halten, er muss nicht ins Gefängnis. Er spielt, er spricht, er hat Sex, er hat Kinder, eine Familie, er kennt das Meer und weiß, wie man überlebt.

Kürzlich fragte mich ein Freund: Wie hat sich deine Sicht der Welt verändert im Vergleich zu der Zeit, als du 19 warst? Mir wurde klar, dass ich mit 19 alles anzweifelte. Ich glaubte das Gegenteil von dem, was man mir einreden wollte. Ich arbeitete mit einem Verdachts-Instinkt. Ich habe aber so viel verrücktes Zeug in meinem Leben gesehen, dass ich heute bereit bin, alles zu glauben. Es ist alles möglich. Es könnte Aliens geben. Warum nicht? Es ist fast dasselbe wie damals, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Ich glaube alles, weil ich nichts glaube.
Es ist gut möglich, dass ein großer Teil der Menschheit vor langer Zeit tatsächlich einmal von einer Flut ausgelöscht wurde. Vielleicht weil die Polkappen ein bisschen schmolzen. Die Idee einer großen Flut steckt in so vielen Dingen: in der Bibel, in den Mythen. Irgendwo tief in uns wissen wir, dass da eine große Flut war, die beinah alles mitgenommen hat.

Als ich in Kalifornien war, um nach Drehorten für Dead Man zu suchen, saß ich auf einem Berg und sprach mit einer Indianerin. Wir sprachen über Erdbeben. Sie sagte, die Leute in Los Angeles hätten solche Angst vor Erdbeben. Und ich sagte: Ja, weil sie schon welche erlebt haben. Sie sagte: Wenn es keine Erdbeben gäbe, würden wir nicht auf diesem Berg sitzen. Wenn es keine Erdbeben gäbe, wäre da unten kein fruchtbares Tal, in dem Orangenbäume wachsen. Das Erdbeben gibt diese Geschenke, also ist das Erdbeben selbst ein Geschenk.
Ich traf andere Indianer, auf deren Land wir drehten. Sie hatten nichts als das Land und einen alten Pick-up-Lastwagen. Sie sagten zu mir: »Siehst du da unten, wo der Fluss in den Ozean mündet? Da war einmal unser Dorf. Die Leute kamen zum Fischen, und wir haben eine Menge Geld verdient. Aber dann hat der Fluss seine Richtung geändert und alles weggespült. Die Regierung wollte das verhindern. Sie rief einen Haufen Ingenieure und Spezialisten, die uns sagten, sie könnten den Fluss umleiten und das Dorf retten. Wir sagten nein. Wir wollten nicht, dass der Fluss umgeleitet wird. Wir gingen sogar vor Gericht, um das zu verhindern. Es war unser Land. Der Fluss tut, was der Fluss tut. Gesetze und Rechtsprechung interessieren ihn nicht. Wir haben den Prozess gewonnen.« Ich fragte: »Was passierte dann?« Und sie sagten: »Der Fluss kam und löschte unser Dorf aus.«
Sie respektierten den Fluss mehr als die Ökonomie. Sie hatten kein Geld und kein Dorf mehr, nur einen alten Truck. Aber sie hatten ihren Stolz. Und ihren Fluss. Und ihren Respekt vor dem Fluss, der stärker war als die Aussicht, mit ein paar weißen Anglern Geld zu verdienen. Das war die umgekehrte Betrachtungsweise.

(c) DIE ZEIT 27/2001

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