"Iroquoia", das Territorium der sechs Irokesenstämme, reichte einst von North Carolina bis hoch nach Quebec und im Westen bis Ohio. An einem Junitag des Jahres 1744 verhandelten in dem kleinen Ort Lancaster in Pennsylvania britische Kolonialherren mit Indianern über die Abtretung von Land.
Die Rede des Canasatego
Ein mitreißender Redner ergriff das Wort. Es war Canasatego, ein etwa sechzigjähriger Häuptling der Onondaga. Er empfahl den Europäern eine Union nach dem Vorbild seines Volkes: "Unsere Vorväter haben uns zu einer Konföderation vereinigt und uns damit zu ungeahnter politischer Kraft verholfen."
Canasatego sprach lange und pries die politischen Vorzüge jener Verfassung, die sich "Großes Gesetz des Friedens" nannte. Sie vereinte die sechs Nationen der Mohawk, Onondaga, Oneida, Cayuga, Seneca und Tuscarora zum Völkerbund der Irokesen.
Benjamin Franklin und die Irokesen
Auf der Seite der Gesandten saß ein 38jähriger Mann und schrieb eifrig mit. Er war Schriftsteller und arbeitete als Buchdrucker für die Regierung von Pennsylvania. Später sollte er als Erfinder des Blitzableiters sowie als federführender Autor der amerikanischen Verfassung in die Geschichte eingehen: Benjamin Franklin.
Der Völkerbund der Irokesen hatte es ihm angetan. "Sechs Nationen unwissender Wilder waren offenbar fähig, die richtige Staatsform zu finden und sie zudem in einer solchen Weise zu praktizieren, dass sie Jahrhunderte überdauert und absolut unzerstörbar erscheint. Da wäre es doch seltsam, wenn eine solche Union nicht auch für zehn oder zwölf englische Kolonien anwendbar wäre."
Die Haudenosaunee - Menschen des langen Hauses
Die Union der Irokesen, der Bund der Sechs Nationen, besteht auch heute noch, trotz der Eroberung der Weißen. Die Irokesen selbst nennen sich Haudenosaunee – Menschen des langen Hauses. Das mit Ulmenrinde gedeckte und verschalte Langhaus war die traditionelle Wohnstätte, in der mehrere Familien eines Clans zusammenlebten.
Jeder Clan wurde von einer älteren Frau, der Clanmutter, angeführt; das Totemtier des Clans war über dem Eingang eingeritzt. Die Siedlungen bestanden aus rund 50 Langhäusern. Jedes Dorf war von Palisaden eingezäunt. Dahinter lagen Felder, auf denen Frauen Mais und Bohnen anbauten.
Der große Rat
Jeder Clan entsendet bis zu drei Mitglieder in den großen Rat. Er setzt sich aus 50 Volksvertretern (Royaneh) zusammen. Die Wahl der einzelnen Vertreter bleibt den Clanmüttern überlassen. Sie wachen auch darüber, dass die Royaneh ihr Amt nicht missbrauchen. Die Frauen haben die Macht, einen Royaneh auch wieder abzusetzen – enthornen nennt sich dieser Akt.
Entscheidungen werden erst dann gefällt, wenn Einstimmigkeit erreicht ist. Mehrheitsbeschlüsse sind in den Augen der Haudenosaunee undemokratisch, weil die Argumente der Minderheit nicht den endgültigen Beschluss mitprägen.
Der Prophet Deganawidah
Nicht immer ging es bei den Irokesen so zivilisiert zu. Vor rund 2000 Jahren zerfleischten sich die Mohawk, Cayuga, Oneida, Seneca und Onondaga in brutalen Kämpfen. Erst als der Prophet Deganawidah erschien, hatte das Blutvergießen ein Ende. Der Legende nach erschien der Friedensstifter in einem weißen Kanu aus Stein.
Deganawidah pflanzte im Land der Onondaga eine Kiefer, unter deren Wurzeln die Kriegswaffen begraben wurden. "Das Kriegsbeil begraben" – eine Wendung in unserem Sprachgebrauch, die an diesen historischen Moment erinnert. "Über diesem Baum wird zu allen Zeiten der Adler schweben und über das Wohl der Konföderation wachen." Das Bild gefiel den Gründervätern der USA, und sie übernahmen den Weißkopf-Seeadler in ihr Staatswappen.
Die Irokesen heute
Noch heute ist der "Iroquois Steelworker" ein unter Weißen wie Indianern angesehener Beruf. Kein Wolkenkratzer in Chicago, Philadelphia oder New York, bei dessen Montage nicht Irokesen beteiligt waren. Die Irokesen verweigern die amerikanische Staatsbürgerschaft. Immer wieder besuchen Delegierte die Menschenrechtskommission der UNO in Genf mit eigenen Pässen ihrer Nation.
