Was ist ein Potlatch?
Wie in keiner anderen Einrichtung verkörpert sich im Potlatch die Quintessenz und Vielschichtigkeit aller Aspekte des Lebens in den Gesellschaften der Küstenregionen des nordwestlichen Nordamerikas. Oberflächlich betrachtet geht es im Potlatch darum, dass ein Häuptling im Namen seiner Hausgruppe ein Fest gibt, bei dem andere Hausgruppen eingeladen, bewirtet und – vor allem deren Häuptlinge – in einer peinlich genau einzuhaltenden Rangfolge reichlich beschenkt werden.
Der Potlatch ist also ein "Geschenkfest", und tatsächlich kommt die Bezeichnung dafür aus der Handelssprache Chinook-Jargon und bedeutet einfach "geben".
Anlässe für einen Potlatch
Fast alle Völker zwischen Südalaska und dem Columbia River machen einen deutlichen Unterschied zwischen einem "Fest" und einem "Potlatch". Beiden Veranstaltungen ist die Bewirtung zahlreicher Gäste und das Verteilen von Geschenken gemeinsam, aber nur im Rahmen des Potlatch werden erbliche Rechte übertragen.
Häufig fand ein Potlatch anlässlich des Eintritts von Angehörigen des Adels in einen neuen Lebensabschnitt statt:
- Reifefeiern und Hochzeiten
- Die Geburt des ersten Kindes
- Der Tod eines ranghohen Verwandten
- Der Bau eines neuen Hauses
Spirituelle Bedeutung
Wirklich wichtig für die Nordwestküstenvölker war neben dem Effekt der Umverteilung von Reichtum der welterhaltende Charakter des Potlatch, in dem die mythischen Vorfahren und ihre spirituelle Kraft im Heute wieder auflebten. Die Weitergabe von innerhalb der Abstammungsgruppen vererbten Häuptlingsnamen und Privilegien zeigte die ungebrochene Verbindung der Ahnen zu den gegenwärtigen und zukünftigen Generationen an.
Je mehr hochrangige Gäste als Zeugen anwesend waren, umso gültiger war der Anspruch des Erben auf den von ihm beanspruchten Namenstitel.
Das Verbot von 1884
Die Annahme, die oft über Jahre hinweg für ein solches Fest betriebene Anhäufung von gigantischen Werten sei nichts weiter als Akte einer selbstzerstörerischen Rivalität zwischen Häuptlingen, führte 1884 zum Verbot des Potlatch durch die kanadische Regierung.
Der Niedergang des Potlachwesens erfolgte dann weniger wegen des offiziellen Verbots, sondern spätestens in der Weltwirtschaftskrise, als die adeligen Familien verbittert erkennen mussten, dass sie ihre "Schulden" nicht mehr bezahlen konnten.
Der Potlatch heute
"Es ist ein so gutes Gefühl, einen Potlatch zu geben, denn du erfährst, wer du bist." – Diesen und ähnliche Kommentare bekommt man heutzutage als Gast auf einem Potlatch zu hören. In den letzten Jahrzehnten der Rückbesinnung fanden allerdings viele indianische Gemeinden zum Potlatch zurück.
Auf diese Weise fördert der moderne Potlatch bei den Stammesmitgliedern ein besseres Verständnis ihrer eigenen Kultur, die mit ihrem hohen Anspruch an das Wissen jedes Einzelnen um seine Herkunft dem Irrgarten der vielen tausend Inseln und Meeresarme ihrer natürlichen Umwelt gleicht.
