In den indianischen Traditionen ist alles vom Schöpfer Erschaffene beseelt, egal, ob es belebt oder unbelebt ist. Alle Dinge stehen daher miteinander in Verbindung und gelten als heilig. Die Beziehungen zwischen den Menschen, Mutter Erde, den Tieren und den Vorfahren sind genau festgelegt.
Die kosmischen Mächte
Das spirituelle Leben der einzelnen Indianernationen ist einzigartig und eng mit der spezifischen Umgebung verknüpft. Gewisse Grundkonzepte und Haltungen sind jedoch allen gemeinsam. Es ist der Glaube an den Spirit, jene Kraft des Geistes, die "Medizin", die allen Dingen innewohnt.
Einige Völker betrachten die Kräfte, die unsere Welt formen, als eigenständige Wesen. Andere Völker sehen in den kosmischen Mächten formlose, mystische Energien: Manitu bei den Algonkin, Wakan bei den Lakota und Sila bei den Baffin-Bay-Inuit.
Natur und Geist
Für die Indianer sind Natur und spirituelle Energie untrennbar verbunden. Die Erde ist das Zentrum dieser Vorstellung. Sie ist der Ursprung eines ewigen Kreislaufs von Zeugung, Tod und Regeneration. "Mutter Erde", dieses ausdrucksstarke Bild, verdeutlicht die tiefe Verwurzelung des Menschen in der Natur.
In der indianischen Vorstellungswelt besitzen Tiere genau wie Menschen einen Geist. Trickster – Schwindler, die oft in Tiergestalt auftauchen – erteilen ihren menschlichen Nachbarn wertvolle moralische Lektionen.
Medizinräder
Über die Ebenen und Prärien Nordamerikas sind große Steinkreise verteilt, die als "Medizinräder" bekannt sind. Das bekannteste ist das Medizinrad von Big Horn in Wyoming, das nahezu 30 Meter im Durchmesser misst und 28 Speichen sowie sechs kleine Steinhaufen am Rand besitzt. Eine verbreitete Theorie besagt, dass die Speichen an astronomischen Ereignissen ausgerichtet wurden.
Blutsverwandtschaft und Totem
Vielen Indianern galt die Blutsverwandtschaft als Grundlage für Stabilität und das Überleben der Gemeinschaft. Die Clans und die Geheimbünde glauben, dass sie Nachfahren eines Tiergeistes oder Totems sind. Die Irokeservölker unterteilen sich in Gruppen wie den Schildkröten-, den Bären- und den Wolfs-Clan.
Das Powwow
Der Ausdruck "Powwow" leitet sich vermutlich von dem Algonkin-Wort Pauau ab. Die Indianer meinen damit eine große, traditionelle Versammlung eines oder mehrerer Stämme, die von Gesang, Tanz, Geschenken und Ehrungen begleitet wird. Es ist der öffentliche, dramatische Ausdruck indianischer Identität.
Das Ereignis beginnt gewöhnlich mit einer großen Prozession. Oft wird sie von Militärveteranen angeführt. Meist folgen Kriegstänze und andere Tänze wie Rund-, Gras- und Hasentänze. In farbenprächtigen Kostümen mit Tüchern, Perlarbeiten, Federbüschen und Kopfschmuck bewegen sich die Powwow-Tänzer anmutig durch die Arena.
Heilige und Schamanen
Einige Menschen haben einen besseren Kontakt zur Geisterwelt als andere. Diese werden als "Heilige" oder Schamanen bezeichnet – spirituelle Führer mit außergewöhnlichen Kräften. Zu den berühmten Kriegshäuptlingen, die Einblick in die Zukunft nehmen durften, gehörten Sitting Bull und Crazy Horse.
Die Native American Church
Zu den wichtigsten Wiederbelebungsversuchen indianischer Kultur gehört die 1918 in Oklahoma gegründete Native American Church (NAC). Mit ihren 250.000 Mitgliedern gilt sie als panindianische Bewegung.
Ihre Mitglieder suchen Visionen, indem sie Stücke des leicht halluzinogenen Peyote-Kaktus zu sich nehmen, befolgen eine festgelegte Ethik, die Pflicht zur Nächstenliebe, Fürsorge für die gesamte Familie, Selbstvertrauen und Meidung von Alkohol beinhaltet.
