Der Weg zum spirituellen Führer
Sitting Bull, in der Sprache der Lakota Tatanka Yotanka, wurde um 1831 als Sohn des Hunkpapa-Kriegers Returns Again am Grand River im heutigen South Dakota geboren. Schon früh zeigte er außergewöhnliche Fähigkeiten sowohl als Krieger als auch als spiritueller Führer seines Volkes.
Im Gegensatz zu vielen anderen Häuptlingen, die primär durch militärische Erfolge bekannt wurden, erlangte Sitting Bull seinen Einfluss vor allem durch seine geradezu magische Überzeugungskraft und seine Fähigkeit, verschiedene Stämme zu vereinen. Er wurde zum wichtigsten spirituellen Führer des Widerstandes in den Plains und Prärien.
Die Vereinigung der Stämme
In den 1870er Jahren gelang Sitting Bull etwas, das zuvor kaum einem anderen Führer gelungen war: Er organisierte eine Allianz verschiedener Prärie-Stämme gegen das weitere Vordringen der weißen Siedler und der US-Armee. Lakota, Cheyenne und Arapaho folgten seinem Ruf.
„Welches Gesetz habe ich übertreten? Ist es falsch, wenn ich das Meine liebe? Darf ich das nicht, weil meine Haut rot ist?"
Die Schlacht am Little Big Horn
Vor der Schlacht am Little Big Horn im Juni 1876 hatte Sitting Bull eine Vision während eines Sonnentanzes: Er sah Soldaten, die wie Heuschrecken vom Himmel fielen. Diese Vision erfüllte sich am 25. Juni 1876, als die vereinigten Stämme unter der militärischen Führung von Crazy Horse und Gall die Truppen von General Custer vernichtend schlugen.
Obwohl Sitting Bull selbst aufgrund seines Alters nicht aktiv am Kampf teilnahm, war sein spiritueller und organisatorischer Beitrag entscheidend für diesen größten Sieg der Indianer über die US-Armee.
Das Exil in Kanada
Nach der Schlacht am Little Big Horn verstärkte die US-Regierung ihre militärischen Anstrengungen massiv. Im April 1877 führte Sitting Bull mehrere hundert seiner Getreuen über die Grenze nach Kanada, wo sie zunächst Zuflucht fanden. Die Königin Victoria, so hoffte er, würde sein Volk beschützen.
Doch das Exil erwies sich als schwierig. Der Büffel, Lebensgrundlage der Plains-Indianer, war auch in Kanada bereits stark dezimiert. Nach einer verheerenden Hungersnot und einer von der US-Regierung verkündeten Amnestie kehrte Sitting Bull 1881 mit seinen verbliebenen Anhängern zurück und ergab sich den amerikanischen Behörden.
Die Standing Rock Reservation
Ab 1883 lebte Sitting Bull auf der Standing Rock Reservation in North Dakota. Auch in der Gefangenschaft blieb er ein Symbol des Widerstandes und wurde von seinem Volk weiterhin als Führer angesehen. Für kurze Zeit tourte er sogar mit Buffalo Bill's Wild West Show durch die Vereinigten Staaten.
Doch Sitting Bull konnte sich nie mit der Niederlage und der Erniedrigung seines Volkes abfinden. Als Ende der 1880er Jahre die Geistertanz-Bewegung aufkam, die den Indianern die Rückkehr ihrer alten Lebensweise und das Verschwinden der Weißen versprach, unterstützte er diese Form des religiösen und politischen Protests.
Das tragische Ende
Die Behörden betrachteten Sitting Bulls Unterstützung des Geistertanzes als Bedrohung. Am 15. Dezember 1890 sollte er auf Befehl des Agenten James McLaughlin verhaftet werden. Bei dem Versuch, ihn aus seinem Haus zu holen, kam es zu einem Tumult.
Indianerpolizisten, die von der Regierung rekrutiert worden waren, erschossen den 59-jährigen Häuptling. Nur zwei Wochen später ereignete sich das Massaker von Wounded Knee, bei dem etwa 300 Lakota getötet wurden - das endgültige Ende des indianischen Widerstandes in den Plains.
Vermächtnis
Sitting Bull gilt bis heute als einer der bedeutendsten Führer der nordamerikanischen Ureinwohner. Seine Fähigkeit, verschiedene Stämme zu vereinen, seine unerschütterliche Überzeugung und sein Widerstand gegen die Unterdrückung seines Volkes machen ihn zu einer Symbolfigur des indigenen Widerstandes weltweit.
