Das Massaker am Chankpe Opi Wakpala

Wounded Knee Creek - 29. Dezember 1890

Häuptling Big Foot
Häuptling Big Foot

Das Ende einer Kultur

Am 15. Dezember 1890 wurde Sitting Bull von Polizisten heimtückisch ermordet, weil er sich seiner Verhaftung durch die Agentur in Standing Rock, im Auftrag der Regierung, widersetzte. Angeblich solle er die Geistertänzer unterstützt haben.

Der Tod des großen Häuptlings verhieß neue Schwierigkeiten. Viele Geistertänzer flohen; einige suchten Unterschlupf bei Big Foots Miniconjou-Lakota am Cheyenne River. In der Hoffnung, bei den Oglala des einflussreichen Chief Red Cloud in der Agentur Pine Ridge Sicherheit zu finden, hetzten sie gemeinsam über 200 Kilometer über die Prärie und Badlands.

Big Foot, der eine Lungenentzündung hatte, die sich unterwegs noch verschlimmerte, wurde in einem offenen Wagen mitgenommen. Kurz vor dem Ziel wurden die frierenden, hungrigen und erschöpften Flüchtlinge von der Siebten Kavallerie – der früheren Einheit Custers – abgefangen und zum Chankpe Opi Wakpala (Wounded Knee Creek) auf der Pine Ridge Reservation gebracht.

Der verhängnisvolle Morgen

Das Massaker am Wounded Knee
Darstellung des Massakers am Wounded Knee

Am Morgen des 29. Dezember 1890 wurden sie von den Soldaten umstellt und aufgefordert, ihre Waffen abzugeben. Auf einem Hügel oberhalb der umzingelnden Indianer stellten die Soldaten vier Hotchkiss-Geschütze auf, die sie auf Big Foots Volk richteten.

Plötzlich ertönte ein einzelner Schuss, der sich versehentlich aus dem Gewehr eines Indianers löste. Die in Panik geratenen Soldaten feuerten sofort los. Viele der Sioux durchbrachen schreiend die Linien der Soldaten und suchten Schutz in den Schluchten. Die Truppen jagten ihnen nach und feuerten auf alles, was sich bewegte.

Eine Frau wurde mit ihrem Säugling niedergeschossen; das Kleine wusste nicht, dass seine Mutter tot war, und saugte noch an ihrer Brust. Nachdem fast alle getötet waren, wurden jene aufgefordert, die nicht tot oder verwundet waren, aus ihren Verstecken herauszukommen, sie hätten nichts zu befürchten. Kleine Jungen verließen ihr Versteck, und sobald sie in Sichtweite kamen, wurden sie von den Soldaten umringt und niedgemäht.

Die Nacht danach

Bei Sonnenuntergang wurde es bitter kalt. Nach Einbruch der Dunkelheit trafen in der Agentur Kavalleristen mit einem langen Zug von Militärwagen ein, auf denen die toten und verwundeten Indianer von Wounded Knee lagen. Die verletzten Weißen wurden zur medizinischen Behandlung ins Lazarett gebracht, aber neunundvierzig verwundete Sioux-Frauen und -Kinder ließ man auf offenem Wagen draußen in der eisigen Kälte liegen.

Schließlich wurden sie in die Kirche der Agentur getragen, wo sie schweigend auf dem Boden unter der Kanzel lagen, über der ein Tuch mit den Worten hing:

FRIEDE AUF ERDEN UND DEN MENSCHEN EIN WOHLGEFALLEN

Draußen am Wounded Knee begann es zu stürmen, und dann folgte ein Schneesturm, so dass die Leichen der abgeschlachteten Indianer drei Tage lang liegenblieben, steifgefroren an der Stelle, wo sie gefallen waren. Schließlich wurden sie in einem riesigen Graben, der direkt auf dem Schlachtfeld ausgehoben wurde, beerdigt.

Das Ende der Hoffnung

Massengrab Wounded Knee
Das Massengrab von Wounded Knee

Der friedfertige Häuptling Big Foot und fast 350 Angehörige seiner Stammesgruppe waren tot, und somit auch die letzten Reste Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

Das Massaker an den Sioux bei Wounded Knee, zwei Jahre vor der Vierhundertjahrfeier von Kolumbus' Landung, war der erschütternde Schlusspunkt zu der langen Eroberungsgeschichte des heute als Vereinigte Staaten bekannten Landes durch den weißen Mann. Die Verheißungen von Wovokas Religion gingen mit den Toten von Wounded Knee unter.

In dem Rauch und der Agonie des Massakers bei Wounded Knee an jenem Morgen des 29. Dezember 1890 starben bei den indianischen Nationen Nordamerikas die letzten Reste der Hoffnung auf Freiheit. In der Nacht deckten Schneeflocken langsam die Toten zu. Es war das Ende einer langen Geschichte von Träumen und Drama und Mut.

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Hinweis zur Verwendung des Begriffs „Indianer"

Diese Website verwendet den Begriff „Indianer" als im deutschen Sprachraum etablierte Bezeichnung für die indigenen Völker Nordamerikas. Im Gegensatz zum Englischen oder Spanischen hat dieser Begriff im Deutschen keine abwertende Konnotation. Heute sind Bezeichnungen wie „Native Americans", „First Nations" oder „Indigene Völker" gebräuchlicher. Wir respektieren die Selbstbezeichnungen der einzelnen Nationen.