Visionssuche und Sonnentanz

Den Weg zur Erkenntnis findest du nicht auf den Landkarten unserer messbaren Welt. Du beginnst damit, dass du die vier Straßen findest, die nebeneinander herlaufen, und die mittlere wählst. Diese Straße wird von einem unüberwindlichen Canyon gekreuzt, der bis an das Ende der Welt reicht. Dort musst du hindurch! Bist du so weit gewandert und bedroht jemand dein Leben, so sage: "Ich bin bereits gestorben."

Die übernatürliche Lebenskraft

Den Algonkin der Subarktis, den Stämmen des nördlichen Waldlandes und den Prärie- und Plains-Indianern war die Vorstellung gemeinsam, dass Tiere, Pflanzen und alle Naturgegenstände und -phänomene von einer übernatürlichen, magischen Lebenspotenz durchdrungen war, die von den Algonkin "Manitu", von den Dakota "Wakan Tanka", von den Crow "Maxpe" genannt wurde.

Sie konnte in bestimmten Riten und durch besondere Gegenstände (Muscheln, Kieselsteine) oder aber in Träumen und Visionen durch mythische Tiere auch auf den Menschen übertragen werden, der ohne sie praktisch nicht leben konnte.

Die Visionssuche

Aus diesem Grund war die Visionssuche zu einer religiösen Institution geworden. Um von einem – meist tierischen – Schutzgeist diese lebenswichtige Potenz kennenzulernen und an ihr teilzuhaben, unterzog man sich im Jünglingsalter den härtesten Kasteiungen. Oft wurde das Verhältnis zwischen Schutzgeist und einem Menschen wie das zwischen Vater und Sohn empfunden; man sprach deshalb von einer "Adoption".

Wichtig war das Erlernen eines Rufes oder einer Melodie, mit der dieser Geist herbeigerufen werden konnte, wenn man seiner bedurfte. Der Schutzgeist gab dem Visionär unter anderem Anweisungen, wie er sich im Kampfe verhalten sollte und welche Medizinen er erwerben musste.

Das Medizinbündel

Ein Mann trug häufig das Zeichen seiner Vision auf der Kleidung oder auf seinem Schild, er besaß auch meist ein Medizinbündel, das die Dinge enthielt, die er nach Anweisung seines Schutzgeistes gesammelt und zusammengestellt hatte. Da diese Potenz als Lebenskraft aufgefasst wurde, durfte kein Fremder das Bündel an sich nehmen oder öffnen. Dem Bündelbesitzer drohte in diesem Falle Gefahr, denn eine solche gefährliche Kraft konnte auch ins Negative umschlagen.

Medizinmänner und Schamanen

Personen, die einen besonders mächtigen Schutzgeist oder gar mehrere überirdische Helfer besaßen, mit deren Hilfe sie besondere Taten vollbringen konnten, wurden als Schamanen oder Medizinmänner bezeichnet.

Bei ihren Séancen schlugen sie die Trommel, bis sie in Trance versanken und ihr Geist sich vom Körper lösen und mit den Geistern sprechen konnte. In Krankheitsfällen war es üblich, ein die Krankheit verursachendes Objekt aus dem Körper des Kranken herauszusaugen. Aber nicht nur mit Zaubertricks und Suggestion vermochten die Medizinmänner kranken Menschen zu helfen, sie kannten auch eine ganze Reihe von medizinisch-therapeutischen Praktiken: Massage, Aderlass, Schwitzbad, Einatmen von Dämpfen des Sagebrush oder Sweetgrass.

Der Sonnentanz

Eine der wichtigsten Erneuerungszeremonien war der Sonnentanz, der bei den meisten Prärie- und fast allen Plainsstämmen verbreitet war. Er wurde vom späten Frühling bis zum Frühsommer abgehalten und soll den Glauben an die Geister bei den Stammesangehörigen erneuern. Früher nahm man an, dass der Sonnentanz im folgenden Jahr große Büffelherden garantiert.

Für die meisten Völker der Ebenen ist der Sonnentanz ein viertägiger Zyklus heiliger Rituale und Tänze. Sie sind mit langen Torturen und teilweise mit Selbstquälereien verbunden. Jeden Tag fasten und tanzen die Tänzer stundenlang um einen heiligen Baum.

Die Selbstmarter

Am letzten Tag werden jene, die sich für die Selbstquälung entschieden haben, mit Riemen an diesen Baum gebunden. An den Riemen sind Holzstifte befestigt, die tief in die Brust oder den Rücken gestoßen werden. Diese Qual dauert 24 Lieder des Tanzes, mehrere Stunden lang. Am Höhepunkt dürfen die erschöpften Tänzer versuchen, sich ihrer Riemen zu entledigen und die Spieße aus dem Fleisch zu ziehen. Ein Erfolg tritt ein, wenn ein Teilnehmer während des langwierigen Martyriums eine Vision bekommt.

Verbot und Wiederbelebung

Im 19. Jahrhundert schockierten die Selbstmarterungen beim Sonnentanz weiße Beobachter, und 1881 wurde das Piercing verboten. Ein harter Schlag für die Indianer der Plains, die glaubten, dass der Sonnentanz ohne die Torturen unwirksam sei.

In den folgenden Jahren führten viele Indianer für die Weißen Sonnentänze auf, bei denen sie mit Pferdegeschirr die alten Praktiken simulierten. Andere praktizierten die traditionellen Sonnentänze einschließlich der Marterungen im Geheimen weiter.

Das Piercing wurde anlässlich des Indian Reorganization Act im Jahre 1934 wieder gestattet, der Sonnentanz lebte jedoch erst in den 60er Jahren mit der wachsenden Militanz der Indianer auf. Heute finden sie in den meisten Wohngebieten der Plains-Indianer wieder statt.

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Hinweis zur Verwendung des Begriffs „Indianer"

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