Bevor die Weißen nach Amerika kamen, lebten dort ausschließlich Indianer. Das weiß jedes Kind. Wann und wie aber hatten die ersten Menschen den Kontinent besiedelt? Das wissen nicht einmal die Forscher – trotz aufschlussreicher Funde und plausibler Theorien.
Die Einwanderung über die Beringstraße
Die gängigste Theorie lautet seit einigen Jahrzehnten: Die Vorfahren der Indianer wanderten vor rund 12.000 bis 15.000 Jahren aus Asien in das heutige Alaska ein. Dies sei möglich gewesen, weil damals Riesengletscher große Teile von Kanada und die nördlichen Vereinigten Staaten bedeckten. Weil es auf dem Land so viel Eis gab, lag der Meeresspiegel im Vergleich zu heute etwa 100 Meter tiefer. Die Beringstraße, der Wasserweg zwischen Sibirien und Alaska, war Festland geworden.
Tiere und ihre Jäger wanderten von Asien aus nach Osten und gerieten so auf den anderen Kontinent. Dort gab es viel zu essen und viel Platz in einem menschenleeren Land. Später zogen die Einwanderer allmählich bis zur Südspitze von Südamerika.
Die Clovis-Kultur
Die Bestätigung für dieses Szenarium lieferte 1932 ein Fund unweit der Stadt Clovis im Bundesstaat New Mexico. Dort entdeckten Archäologen bei einer altertümlichen Feuerstelle mehrere Speerspitzen aus Feuerstein – alle von einer beeindruckenden Ähnlichkeit, herzförmig und gerillt. Mit Hilfe der C-14-Datierung stellte sich heraus, die ersten Menschen dieser "Clovis-Kultur" lebten vor rund 11.000 Jahren.
Sie waren Jäger und verfolgten Mammuts, Langhornbüffel und die später ausgerotteten amerikanischen Pferde – Archäologen fanden Speerspitzen zwischen den Rippen erlegter Tiere. Vor rund 9.000 Jahren starb das Wild aus, und die Clovis-Kultur ging zugrunde.
Biologische Belege
Die Theorie wird auch durch biologische Erkenntnisse unterstützt – die ersten Amerikaner besaßen auffallende Gemeinsamkeiten mit den Menschen aus Asien:
- Stämmiger Körperbau mit relativ kurzen Beinen, langen Armen, kleinen Füßen und Händen
- Hervortretende Wangenknochen und eine ausgeprägte Nase
- Glatte und dichte schwarze Haare
- Der sogenannte Mongolenfleck – eine vorübergehende Pigmentansammlung bei Mongolen, Japanern und vielen Indianern in der Kindheit
Fast alle Indianer besitzen die Blutgruppe Null und A; die Gruppe B kommt bei ihnen kaum vor.
Drei Einwanderungswellen
Nach neueren Erkenntnissen nehmen die Sprachforscher an, dass die Indianer den amerikanischen Kontinent nicht in einem großen Zug erreichten. Mindestens drei Einwanderungswellen lassen sich nachweisen:
- Die erste der Clovis-Kultur, aus der fast sämtliche nachfolgenden Indianersprachen hervorgingen
- Die zweite der Athapasken-Indianer – die Vorfahren der Navajos und der Apachen
- Die dritte Einwanderungswelle der Eskimos, die sich im hohen Norden von Sibirien bis Grönland ausbreiteten
Nachfolgende Kulturen
Das Ende der Clovis-Kultur bedeutete den Beginn nachfolgender Indianerkulturen: Folsom, Plano, Adena, Hopewell und Cochise. Sie gelten als Vorfahren der verschiedenen historischen Stämme und hatten alle eines gemeinsam: da die Wildtiere der Clovis-Kultur ausgestorben waren, mussten sie zum Überleben eine neue Strategie entwickeln.
Je mehr Zeit verging, desto unterschiedlicher entwickelten sich die Indianer Nordamerikas. Die einen wurden zu fischenden Küstenbewohnern, die anderen bauten in der Prärie essbare Pflanzen an, und die Bewohner der Wälder gingen auf die Jagd. Indianer lebten in Tipis oder in Wigwams, in Pueblos oder Langhäusern.
