Die Zeichensprache der Indianer

Die indianische Zeichensprache war ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem, das die Verständigung zwischen verschiedenen Stämmen ermöglichte. Ähnlich wie die Gebärdensprache der Gehörlosen bestand sie aus Handzeichen und Gesten, die von Indianern der gesamten Prärie verstanden und benutzt wurden.

Die sprachliche Vielfalt Amerikas

Amerika war ein sprachliches Babylon. Rund 2.000 Sprachen wurden zwischen Alaska und Feuerland gesprochen, bevor die ersten Europäer den Kontinent betraten. Allein in Nordamerika existierten zwischen 200 und 500 verschiedene Sprachen. Einige dieser Sprachen waren nicht enger miteinander verwandt als Deutsch und Japanisch.

Der berühmte Indianer-Maler George Catlin schrieb: "Es würde ein Menschenleben dazugehören, um die Sprachen aller dieser verschiedenen Stämme, die ich besuchte, zu sammeln." Die sprachliche Vielfalt entstand wahrscheinlich durch getrennte Einwanderungswellen zu verschiedenen Zeiten aus Asien.

Die Lösung: Eine universelle Zeichensprache

Die Indianer der Plains entwickelten eine elegante Lösung für das Sprachproblem: eine lautlose Verkehrssprache, die von allen Stämmen verstanden wurde. Die Cheyenne, Arapaho, Sioux und andere nomadische Büffeljäger beherrschten dieses System perfekt.

Mit der indianischen Zeichensprache konnten sich Menschen mühelos mit Angehörigen fremder Stämme verständigen. Sie handelten miteinander, schlossen Verträge, erzählten Legenden und tauschten Neuigkeiten aus – alles ohne ein einziges gesprochenes Wort.

Wie die Zeichen funktionieren

Die Stärke des Systems lag in seiner Flexibilität. Einzelne Zeichen konnten je nach Kontext verschiedene Bedeutungen annehmen. Einige Beispiele:

  • Kalt: Arme vor der Brust gekreuzt
  • Winter: Dasselbe Zeichen, da Winter mit Kälte assoziiert wurde
  • Wie viele Winter?/Wie alt bist du?: Dasselbe Zeichen mit fragendem Gesichtsausdruck
  • Weißer: Hand über die Stirn gezogen (symbolisiert den Hutrand)
  • Büffel: Hände neben dem Kopf mit gekrümmten Fingern (symbolisiert Hörner)
  • Sonne: Kreisbewegung vor dem Gesicht

Nicht immer verstand jeder Indianer sofort alle Zeichen seines Gesprächspartners. Doch man konnte experimentieren, bis die Verständigung klappte. Die Zeichen wurden oft durch Mimik und Körperhaltung ergänzt.

Missverständnisse der Europäer

Europäische Siedler, Soldaten und Missionare waren buchstäblich mit ihrem Latein am Ende angesichts der fremden Töne, die ihnen in der Neuen Welt entgegenschlugen. Manche zogen voreilige Schlüsse: Der britische Entdecker Sir Richard Burton berichtete um 1860, die Sprache der Cheyenne bestehe aus "gewöhnlicher Pantomime, begleitet von Grunzlauten".

Was Burton als primitives Stammeln missverstand, war in Wirklichkeit die hochentwickelte Zeichensprache der Plains-Indianer – ein äußerst effektives Verständigungsmittel, das keineswegs auf mangelnde Sprachfähigkeit hindeutete.

Verbreitung und Bedeutung

Die Zeichensprache war vor allem unter den nomadischen Stämmen der Great Plains verbreitet. Da diese Völker große Entfernungen zurücklegten und regelmäßig auf Angehörige anderer Sprachgruppen trafen, war eine universelle Kommunikationsform unverzichtbar.

Die Zeichen wurden nicht nur für praktische Zwecke wie Handel und Diplomatie genutzt. Auch Geschichten, Mythen und religiöse Vorstellungen konnten durch sie vermittelt werden. Einige Stämme verwendeten die Zeichensprache sogar untereinander, obwohl sie dieselbe gesprochene Sprache teilten.

Erhaltung bis heute

Im 19. Jahrhundert begannen Ethnologen und Militärs, die indianische Zeichensprache systematisch zu dokumentieren. Heute wird sie von einigen Reservatsbewohnern noch gepflegt und an jüngere Generationen weitergegeben. Forscher sehen Parallelen zwischen der indianischen Zeichensprache und modernen Gebärdensprachen für Gehörlose.

Die Zeichensprache der Indianer bleibt ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Menschen auch ohne gemeinsame Sprache komplexe Ideen austauschen können.

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Hinweis zur Verwendung des Begriffs „Indianer"

Diese Website verwendet den Begriff „Indianer" als im deutschen Sprachraum etablierte Bezeichnung für die indigenen Völker Nordamerikas. Im Gegensatz zum Englischen oder Spanischen hat dieser Begriff im Deutschen keine abwertende Konnotation. Heute sind Bezeichnungen wie „Native Americans", „First Nations" oder „Indigene Völker" gebräuchlicher. Wir respektieren die Selbstbezeichnungen der einzelnen Nationen.