Für die Indianer Nordamerikas stand die Harmonie schon immer im Mittelpunkt des Lebens. Sie ist die Quelle des Wohlbefindens, der Hort der Gesundheit. Lebt ein Mensch nicht mehr im Einklang mit seiner natürlichen oder sozialen Umwelt, stört er die Harmonie und wird krank. Die Aufgabe des Medizinmannes ist es, diese Harmonie wiederherzustellen.
Mehr als nur Heilkunst
Indianische Medizin ist mehr als die Behandlung von Krankheiten. Sie ist vor allem Religion: Sie stiftet Identität durch Rituale, schafft Zusammenhalt durch Gemeinschaftserlebnisse und befriedigt seelische und emotionale Bedürfnisse durch ihre Spiritualität. Indianische Medizin verbindet Kräuterheilkunde, Psychoanalyse und Philosophie.
"Wenn du jeden Schmerz gespürt und alle Tränen geweint hast, wenn sie Tropfen für Tropfen auf dein Herz gefallen sind, dann kommt die Weisheit." – Alte indianische Weisheit über den Weg zum Schamanentum
Die Ausrüstung des Schamanen
Die Behandlungsmethoden und die Ausrüstung des Schamanen variieren von Stamm zu Stamm. Zum medizinischen Handgepäck gehören typischerweise:
- Trommel und Rassel
- Schalen und Mörser
- Kleine Holzfetische
- Adlerfedern und Bergkristalle
- Pfeilspitzen und Steinbeil
Das wichtigste Amulett ist der Lederbeutel. Er besteht aus der Haut eines heiligen Tieres und enthält Gegenstände wie Hirschschwänze, getrocknete Objekte und oft den Magenstein eines Büffels. Diesem Bündel werden starke magische Kräfte zugeschrieben.
Die Schwitzhütte
Uralt und immer noch gebräuchlich ist das indianische Schwitzhütten-Ritual. Die Schwitzhütte wird zur Reinigung von Körper und Geist gebaut. In ihrem stockfinsteren Innern dienen rotglühende Steine als Ofen, die von Zeit zu Zeit mit Wasser und Heilkräuterauszügen begossen werden.
Aromatischer Dampf durchwabert die Hütte, in der mehrere Stammesangehörige liegen. Im Dunkeln sind sie den Göttern nahe und kehren symbolisch in den Schoß von Mutter Erde zurück.
Spezialisierungen in der Heilkunst
Wie die westliche Medizin kennt auch die indianische Heilkunst Spezialisierungen. Es gibt reine Diagnostiker und die "Mashki-kike-winini" – Kräuterspezialisten, die oft Frauen sind. Sie kurieren mit Blättern, Beeren und Wurzeln in einer Art indianischer Homöopathie, die Gleiches mit Gleichem behandelt.
Bewährte Heilpflanzen
Die Indianer nutzten Hunderte von Heilpflanzen. Mehr als 200 ursprünglich indianische Medizinpflanzen übernahmen die weißen Siedler nach und nach in ihre Volksapotheke:
- Echinacea: Das Wurzelpulver wurde auf Wunden gestreut, heute stärkt es die körperlichen Abwehrkräfte
- Yamswurzel: Enthält Progesteron und wurde als Verhütungsmittel verwendet
- Schafgarbe: Universalmittel gegen Erkältung, Fieber und Verstopfung
- Tabak: Desinfizierte Wunden und linderte Kopfschmerzen
- Schimmelpilze: Wurden gegen Wundinfektionen und Diphtherie eingesetzt – sie kannten Penicillin
Peyote und die Native American Church
Der am weitesten verbreitete indianische Kult ist heute die Peyote-Religion. Peyote ist ein stachelloser Kaktus, dessen Spitzen in Scheiben geschnitten und zerkaut werden. Er enthält 44 unterschiedliche Alkaloide, darunter das bewusstseinsverändernde Meskalin.
Peyote kam erst um 1870 nach Nordamerika. Für die Indianer wurde der Kaktus zur heilenden und heiligen Pflanze. 1918 organisierten sich mehrere Stämme in der "Native American Church" (NAC). Heute ist die NAC eine Bewegung mit mehreren hunderttausend Mitgliedern.
Berühmte Medizinmänner
Schamanen waren oft auch politische Führer. Sitting Bull, Chief Joseph und Geronimo – berühmte Indianerhäuptlinge Nordamerikas – waren zugleich Schamanen und spirituelle Führer ihrer Völker.
Die Unterdrückung durch die Weißen
Von den Weißen wurden die Schamanen von Anfang an als Betrüger geächtet. Christliche Missionare verdammten ihre Riten und vernichteten ihre "gottlosen" Amulette und Fetische. 1887 setzte Washington die gesamte indianische Kultur auf den Index und untersagte den Ureinwohnern jegliche Ausübung religiöser und medizinischer Riten. Erst 1934 wurde das Verbot aufgehoben.
Heute
In den Indianerreservaten haben manche Heilmethoden überlebt. Doch es gibt nicht mehr viele Schamanen. Ihre Ausbildung dauert Jahre, manchmal Jahrzehnte, und es fehlt an Nachwuchs. Da es keine indianische Schriftsprache gibt, müssen die Jungschamanen alle Gebete und Gesänge auswendig lernen – manche Zeremonien umfassen eine halbe Million Worte.
