Indianer — so nennt der deutsche Sprachraum seit Jahrhunderten die indigenen Völker Nordamerikas. Gemeint sind die Menschen, die den Kontinent lange vor der Ankunft der Europäer besiedelten: Hunderte eigenständiger Nationen mit eigenen Sprachen, Religionen und Gesellschaftsformen. Von den Jägern der Great Plains über die Ackerbauern des Südwestens bis zu den Fischern der Nordwestküste — ihre Vielfalt war und ist enorm. Dieser Artikel bietet Ihnen einen Überblick über ihre Geschichte, ihre Kulturen und ihre Gegenwart.
Herkunft und Besiedlung Amerikas
Die Vorfahren der Indianer erreichten den amerikanischen Kontinent vor mindestens 12.000 bis 15.000 Jahren über eine Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska. Während der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel rund 100 Meter tiefer als heute, sodass die heutige Beringstraße begehbares Land war. Jäger folgten Mammuts und Langhornbüffeln nach Osten — und besiedelten innerhalb weniger Jahrtausende den gesamten Doppelkontinent bis zur Südspitze Südamerikas.
Die älteste archäologisch nachgewiesene Kultur ist die Clovis-Kultur (ca. 11.000 v. Chr.), benannt nach einem Fundort in New Mexico. Sprachwissenschaftler gehen von mindestens drei großen Einwanderungswellen aus: der Clovis-Welle, den Athapasken (Vorfahren der Apachen und Navajo) und den Eskimo-Völkern der Arktis. Ausführlich behandelt unser Artikel Woher kamen die Indianer? diese Frage.
Kulturregionen Nordamerikas
Ethnologen unterteilen die indigenen Völker Nordamerikas in mehrere Kulturregionen, die sich durch Klima, Lebensweise und soziale Organisation unterscheiden. Jede Region brachte eigene Traditionen, Bauweisen und Wirtschaftsformen hervor:
- Plains — Die Reiternomaden der Prärie: Sioux, Cheyenne, Comanche. Ihre Lebensweise war untrennbar mit dem Bison verbunden.
- Südwesten — Die Apachen, Navajo (Diné) und Pueblo-Indianer in der Wüstenlandschaft von Arizona und New Mexico.
- Nordosten — Waldland-Indianer wie die Irokesen, die einen der ältesten demokratischen Staatenbünde der Welt gründeten.
- Südosten — Die sogenannten „Fünf zivilisierten Nationen" (Cherokee, Creek, Choctaw, Chickasaw, Seminolen), die der Trail of Tears in die Verbannung trieb.
- Nordwestküste — Meisterschnitzer der Totempfähle und Veranstalter des Potlatch, des großen Gabenfestes.
- Arktis und Subarktis — Die Inuit und verwandte Völker, angepasst an das Leben im ewigen Eis.
- Great Basin — Sammler und Jäger in der kargen Landschaft zwischen den Rocky Mountains und der Sierra Nevada.
- Plateau — Heimat der Nez Percé unter Chief Joseph, deren Fluchtmarsch 1877 in die Geschichte einging.
Eine Übersicht aller Kulturregionen mit Karte finden Sie unter Kulturgebiete Nordamerikas.
Berühmte Persönlichkeiten
Einige indianische Anführer sind weit über ihre Zeit hinaus bekannt geworden. Ihr Kampf für die Freiheit und Selbstbestimmung ihrer Völker hat die Geschichte Nordamerikas geprägt:
- Sitting Bull — Der Hunkpapa-Lakota-Häuptling, der die vereinten Stämme in der Schlacht am Little Bighorn 1876 zum Sieg gegen Custer führte.
- Geronimo — Der Chiricahua-Apache, der mit nur 37 Kriegern 5.000 US-Soldaten in Atem hielt und sich erst 1886 als letzter indianischer Anführer ergab.
- Cochise — Der Apachen-Häuptling, der über ein Jahrzehnt den Widerstand im Südwesten anführte.
- Chief Joseph — Der Nez-Percé-Häuptling, dessen 2.700-Kilometer-Flucht 1877 zu einem der bewegendsten Kapitel der Indianergeschichte wurde.
- Osceola — Anführer der Seminolen im Zweiten Seminolenkrieg in Florida.
Weitere Häuptlinge und Krieger finden Sie in unserer Chiefs-Übersicht.
Vertreibung und Widerstand
Die Ankunft der Europäer im 15. und 16. Jahrhundert veränderte das Leben der indigenen Völker unwiderruflich. Eingeschleppte Krankheiten wie Pocken, Masern und Grippe töteten schätzungsweise 90 Prozent der ursprünglichen Bevölkerung — Millionen von Menschen starben, ohne jemals einen Europäer gesehen zu haben.
Im 19. Jahrhundert trieb die US-Regierung die systematische Vertreibung der Indianer voran. Der Trail of Tears (1838/39), bei dem die Cherokee aus ihrer Heimat im Südosten nach Oklahoma zwangsumgesiedelt wurden, kostete rund 4.000 Menschen das Leben. Die Indianerkriege auf den Great Plains endeten 1890 mit dem Massaker von Wounded Knee, bei dem über 250 Lakota getötet wurden — darunter Frauen und Kinder.
„Mir wurde oft vorgeworfen, ich sei ein Wilder. Was ist Zivilisation? Ihre Segnungen sind gemischt. Ihre Seele ist zerstörerisch." — Chief Luther Standing Bear, Oglala-Lakota
Doch die Indianer leisteten Widerstand. Das American Indian Movement (AIM), gegründet 1968, kämpfte für die Rechte der indigenen Völker und machte mit der Besetzung von Alcatraz (1969–1971) und der zweiten Konfrontation bei Wounded Knee (1973) international Schlagzeilen. 2007 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Erklärung über die Rechte der indigenen Völker — ein Meilenstein, auch wenn die Umsetzung bis heute lückenhaft bleibt.
Indianer heute
Heute leben in den USA rund 5,2 Millionen Menschen, die sich als American Indian oder Alaska Native identifizieren. Über 570 Stämme sind von der US-Bundesregierung offiziell anerkannt. Die Lebensbedingungen in den Reservaten sind nach wie vor schwierig: Armut, Arbeitslosigkeit und gesundheitliche Probleme liegen weit über dem Landesdurchschnitt.
Gleichzeitig gibt es Fortschritte. Seit dem Indian Gaming Regulatory Act von 1988 betreiben über 240 Stämme eigene Casinos, deren Einnahmen in Bildung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur fließen. Die traditionelle Medizin wird zunehmend erforscht und anerkannt. Und das kulturelle Erbe — Sprachen, Zeremonien, Kunsthandwerk — wird von einer neuen Generation aktiv bewahrt und weitergegeben. Das National Museum of the American Indian der Smithsonian Institution in Washington, D.C., dokumentiert diese lebendige Kultur.
Einen umfassenden Einblick in die aktuelle Situation bietet unser Artikel Indianer heute.
Häufige Fragen
Ist der Begriff „Indianer" abwertend?
Im Deutschen hat „Indianer" keine abwertende Konnotation, anders als „Indian" im Englischen. Trotzdem bevorzugen viele Betroffene die Bezeichnung „Native Americans", „Indigene Völker" oder die jeweilige Stammesbezeichnung. Auf dieser Website verwenden wir den Begriff als etablierte deutschsprachige Bezeichnung — mit Respekt vor den Selbstbezeichnungen der einzelnen Nationen.
Wie viele Indianerstämme gibt es?
In den USA sind laut Bureau of Indian Affairs über 570 Stämme bundesstaatlich anerkannt (federally recognized tribes). Dazu kommen zahlreiche Stämme, die nur auf Bundesstaatsebene anerkannt sind, sowie Gruppen ohne offizielle Anerkennung. In Kanada gibt es über 630 anerkannte First Nations.
Leben Indianer noch in Reservaten?
Ja, es gibt in den USA rund 326 Indianerreservate. Etwa 22 Prozent der Native Americans leben dort. Die größte Reservation ist die Navajo Nation in Arizona, New Mexico und Utah mit einer Fläche größer als die Schweiz.
